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 Geschrieben von Harry

Der Tsunami in Südasien 2004 und Taucher.Net

Ein Rückblick von Harald Mathä

Am 26. Dezember 2004 um 07:59 Uhr Ortszeit (01:58 MEZ) ereignete sich unter dem Indischen Ozean vor Sumatra ein schweres Erdbeben. Dieses verursachte eine verheerende Flutwelle (Tsunami), die sich konzentrisch ausbreitete und weite Küstenabschnitte Sri Lankas, der Nikobaren und Andamanen, Thailands und Nordsumatras verwüstete.
Über 200.000 Menschen wurden dadurch getötet, darunter in Thailand auch viele Urlauber.

Taucher.Net spielte in den ersten Tagen und Wochen dieser Katastrophe eine - rückblickend betrachtet - bedeutende Rolle. Eine Rolle, in die wir "rutschten", ohne es zunächst zu wollen - zu einer Anlaufstelle von Hilfesuchenden.

Überreste des Tsunami
Auch heute noch erinnern Ruinen an diesen Tag (Khao Lak)


Eine Betrachtung dieser Ereignisse aus der persönlichen Sicht des Verfassers:

Sonntag, 29. Dezember 2004: Gegen acht Uhr morgens lese ich auf ORF.at, dass es in Südostasien eine große Flutwelle gegeben haben soll. Es ist von mehreren Toten die Rede... hmmm, denke ich noch zunächst arglos - und kann mir nicht so richtig vorstellen, welch Ausmaß diese Meldung tatsächlich beschrieb...

Auf Taucher.Net läuft bald darauf auch ein Thread zum Thema und ich bin mir schon nicht mehr so sicher, dass hier "nicht viel passiert" ist. Wir suchen nach weiteren Infos im Web und posten diese während der nächsten Stunden in diesem Thread. Im Laufe dieses Vormittags wird die Berichterstattung konkreter - welche Ausmaße die Katastrophe aber annehmen sollte, konnte wohl niemand hier im winterlichen Europa auch nur erahnen.
Ich versuche zwei Bekannte in Phuket bzw. auf Koh Lanta zu erreichen - vergeblich, natürlich...
Inzwischen häufen sich E-Mails und Anfragen im Thread. Wir versuchen die Postings zu überblicken und zu ordnen. Im Laufe dieses Sonntags gelingt es dann langsam, die ersten "Gesucht-" und "Ich lebe noch-Meldungen" zusammenzuführen. Ein gutes Gefühl, aber wir alle haben zu diesem Zeitpunkt immer noch KEINE AHNUNG, welche Dimensionen das Alles für uns noch annehmen sollte!

Zerstörungen bei Phuket
Zerstörungen bei Phuket

Mittlerweile sind Auswärtiges Amt, Bundesministerium für auswärtige Angelegenheiten und andere offizielle Regierungsstellen noch absolut inaktiv - zumindest nach außen sichtbar(...) Die Beamten und Entscheidungsträger sind jetzt zwischen Weihnachten und Neujahr im Urlaub, beim Skifahren - jedenfalls noch kaum oder nicht erreichbar.
Die über die Feiertage eingerichteten Journaldienste sind hoffnungslos von den vielen Anfragen verzweifelter Angehöriger überfordert. Die Telefonleitungen laufen heiß, um durchzukommen braucht man in den nächsten Tagen noch viel, sehr viel Geduld.

Über Google, für viele die Suchmaschine erster Wahl, gelangen verzweifelte Angehörige und Freunde von Menschen in den Krisengebieten zu unserem Thread im Forum von Taucher.Net. In der Nacht auf Montag schuf unser Chefredakteur Armin Süß dann auf der Hauptseite einen rot markierten Bereich, der auf den Thread verwies. In den nächsten Tagen soll noch eine eigene Datenbank für geographisch gestaffelte Suchmeldungen, Lageberichte und weiteres dazukommen.

Gesenken an die Opfer
Gedenken an die Opfer

Inzwischen treffen die Mails teilweise im Minutentakt ein. Manche Suchanfrage lässt sich mit einem Datenbankeintrag zusammenführen. Wie es sich herausstellte, waren leider auch Fehlinformationen dabei... Gott sei Dank aber nur selten.




Ein Augenzeuge: "Was geschah? Der Tag begann ziemlich früh, weil wir heute morgen um 8:00 Uhr aufgebrochen sind, um mit Armins Dive Team eine Tauch- und Schnorcheltour nach Rah Noi, einer Insel südlich von Phuket zu unternehmen. Kurz bevor wir an der Insel ankamen, kam eine Meldung rein, dass es ein Erdbeben gegeben hatte und in Phuket eine große Flutwelle angekommen sei, die dort alles überflutet und sehr große Zerstörungen verursacht hatte.
Trotz dieser unglaublichen Meldung starteten wir zu unserem ersten Tauchgang, da bei uns alles ganz "normal" war und wir uns hinter der Insel sicher fühlten, für mich im nachhinein kaum zu glauben.
Aber, so glatt das Wasser an der Oberfläche war, um so mehr wurden wir in 15 m Tiefe umhergewirbelt, ich hatte große Angst, einfach ins Meer hinaus gespült zu werden und hätten wir uns unter Wasser nicht krampfhaft an Felsen festgehalten, wäre dies wohl auch geschehen. Im Nachhinein ist uns klar, dass das die Flutwelle war, die sich unterirdisch aufgebaut hatte. Nach 19 Min. haben wir den Tauchgang abgebrochen und kurz darauf die Meldung erhalten, dass nun eine 10 Meter hohe Flutwelle in Phuket erwartet würde und dass es in der Region Phuket schon hunderte von Toten gegeben hätte. Diese Neuigkeit hat uns dann so geschockt, dass wir unser Mittagessen augenblicklich beendeten haben und zurück in Richtung Phuket gefahren sind."

Tsunami erreicht Festland
26.12.2004, Morgens: Der Tsunami erreicht das Festland bei Phuket


Nach dem Tsunami
Bild von ungefähr der selben Stelle aus

"Armin hat sich sehr darum bemüht, dass keine Panik in unserer Gruppe ausbrach, dass alle Ruhe bewarten und vor allem die Schwimmwesten tragen, mit denen Armin uns versorgt hatte. Das Meer war bei uns allerdings komplett ruhig, keine Flutwelle weit und breit in Sicht. Nach einigem hin und her hat uns die Küstenwache dann nach ein paar Stunden in Phuket an Land geholt und wir sind zurück zum Ao Sane, unserer Bungalow-Anlage direkt am Meer, gefahren. Schon auf dem Weg dorthin sahen wir die verheerenden Zerstörungen am Naiharn Beach, die in uns böse Vorahnungen hervorrief. Als wir dann unsere in weiten Teilen nicht mehr vorhandene Anlage sahen, kamen vielen die Tränen. Es war ein einziges Bild der Zerstörung: das Restaurant war komplett verschwunden und auch die Bungalows in erster Reihe vor dem Meer standen nicht mehr. So auch unsere Bungalows und damit auch alles, was wir nicht auf der Haut trugen. Zum Glück konnten wir noch einiges aus den Trümmern retten.
Augenzeugen erzählten uns später, dass unser Bungalow kurz von der Welle angehoben wurde und 2 Sekunden später komplett zerstört am Boden lag. Wären wir darin gewesen, was normalerweise um diese Uhrzeit (ca. 10 Uhr morgens) locker der Fall hätte sein können, wären wir sicher auf der Stelle tot gewesen."




Gesucht / Gefunden - die Datenbank

Herbert Gfrörer (unser Chef vom Dienst) aktualisierte inzwischen die Suchdatenbank mit "Gefunden!-Tickern" und - glaubt mir - jeder einzelne davon war ein unglaubliches Erfolgserlebnis und Glücksgefühl für unser Team.

In der letzten Dezemberwoche hatte auch ich Urlaub und ein paar schöne Tauchgänge geplant. Daraus wurde aber nichts, da wir gebraucht wurden und ich wollte mich vor meiner mir selbst auferlegten Verantwortung auch nicht drücken. Die nächsten Tage waren rund um die Uhr von unserer Tsunamihilfe geprägt. Teilweise bis ans Ende der Kräfte...


Das weit ins Land gespülte Polizeiboot auf Khao Lak

Ich weiß jetzt nicht, ob ich nur für mich spreche. Aber die Bilder der vermissten Kinder gingen mir persönlich ganz besonders an die "Substanz". Ich war ehrenamtlich 14 Jahre im Rettungsdienst tätig und bin seit Jahren freiwilliger Feuerwehrmann. Abgebrüht... fast schon alles erlebt und gesehen, ein harter Hund, dachte ich... nix... die Tränen, die mir damals nicht nur einmal übers Gesicht liefen, zeigten mir, dass es eben nicht so ist.

Unser Server begann in diesen Tagen beinahe zu glühen. Bis zu 538 User waren gleichzeitig auf Taucher.Net unterwegs und am 29. Dezember 2005 registrierten wir 35.593 "individual user" für diesen Tag. Ein - hmmm... zugegeben - Rekord mit teils traurigem Bezug, der bis heute nicht wieder erreicht wurde.

Unsere "Gefunden-Datenbank" wurde auch von offiziellen Hilfskräften wie ÖRK, DRK, etc. intensiv genutzt. Dies zeigte u. a. eine offizielle Anfrage des DVI-Teams Austria (Desaster Victims Identification), die den Mitarbeiter einer Tauchbasis aus Koh Lanta ohne uns noch lange in ihrer Vermisstenliste geführt hätte. So hatte sich auch Peter, ein Filmer aus Linz, per Mail bei mir gemeldet, sobald dies aus dem Katastrophengebiet möglich war. Er hatte Riesenglück gehabt. Er war von der Flutwelle durch das Ressort gespült worden, blieb aber bis auf zahlreiche Schürfwunden und blaue Flecken unverletzt. Auch hier konnten wir helfen!


Ruinen erinnern heute noch an die Katastrophe (Khao Lak)

Ein verzweifeltes Mädchen suchte seine Mutter, die sich auf einer Tauchsafari auf den Malediven befand. Keine offizielle Stelle konnte ihr helfen, so suchte sie im Internet und fand... Taucher.Net.
Da sie den Namen des Schiffes kannte, konnten wir nach Rückfrage bei den in Frage kommenden Reiseveranstaltern nach wenigen Stunden dem Mädchen die gute Nachricht übermitteln, dass ihre Mutter und alle anderen an Bord wohlauf waren und von der Flutwelle auch erst aus den Medien erfahren hatten!

Im Laufe des Monats lief dann endlich auch die internationale Hilfe so richtig an und die Suchmeldungen wurden weniger. Der letzte Eintrag in die Datenbank erfolgte aber trotzdem erst am 29.04.2005.


Keine Arbeit im Verborgenen

Unsere Funktion als koordinierende Stelle und Anlaufstelle für Hilfesuchende im Internet blieb auch nicht verborgen. Tageszeitungen wie der "Münchner Kurier" und die "Hannover Abendpost" berichteten darüber.


Bericht in der HAZ am 31.12.2004

Landesverbände des ÖRK, Landesstudios des ORF sowie viele Medien im Internet verlinkten auf uns (Auszug - einige Seiten inzwischen inaktiv):

Zerstörter Pool auf Khao Lak
Einst eine schöne Hotelanlage mit Pool auf Khao Lak

Wie vielen suchenden Menschen konnten wir wirklich helfen? Wie viele "Erfolgsmeldungen" konnten wir für uns "verbuchen"? Wir wissen es nicht. Sicher ist nur, dass wir in diesen ersten Tagen und Wochen der Tsunamikatastrophe unzähligen Menschen einen Funken Hoffnung, Zuversicht und einen (virtuellen) Hort bieten konnten. Und vielleicht auch ein wenig Zuspruch und Trost - DAS ist wichtig!





Dieser Bericht ist all jenen gewidmet,
die damals geholfen haben,
die Schicksale und Leiden
der Menschen im Katastrophengebiet zu lindern!


Spuren des Tsunami
Zwei Jahre danach...




Informationen zum Tsunami 2004 auf Wikipedia



Text © 2006 - Harald Mathä
Bilder © - Helmut Ebner, Michael Böhm und Armins Diveteam (mit freundlicher Genehmigung)



Infos

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