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Die Lachsartigen,
etwas über die Seeforelle in Oberbayern
oder, wie Fischer und Taucher sehr gut zusammenarbeiten können.
von Dr. Peter Wißmath und Ulrich Mößlang
Eigentlich wollten wir ja nur noch ein letztes Mal mit den Motorrädern
über die Pässe donnern, bevor der Winter dann endgültig kommen
würde, an diesem warmen Föhnsamstag im November. Aber dann hatte
einer der Jungs seine schwache Blase dabei und wir hielten in Walchensee vor
dem Bauernhof, wo in der Nähe der Einfahrt ein Fischbecken mit gläserner
Frontscheibe stand.
Unser Freund verschwand auf der gegenüberliegenden Straßenseite
in den Büschen und wir anderen stiegen auch ab. Die meisten drehten sich
ein Zigarettchen oder begannen, über ihre Maschinen zu fachsimpeln. Ich
ging hinüber zu dem Aquarium und betrachtete mit einigem Interesse die
paar dürren Seesaiblinge, die zusammen mit einem halben Dutzend blasser
Bürschlinge apathisch auf irgend etwas warteten und wollte eben anfangen,
über das Leben als solches und das Sterben im besonderen zu philosophieren,
als jemand hinter mich trat.
Er trug Stallkleidung, hatte einen verknitterten Trachtenhut auf und fragte
mit einer Reibeisenstimme, ob ich denn nicht lieber richtige Fische sehen
wolle. „Richtige Fische?“ Natürlich wollte ich das. Er zog mich zu dem
Rundbecken, das neben dem Aquarium stand, und hob den Deckel herunter. Das
Becken war aus dunklem Kunststoff und randvoll mit Wasser. Es dauerte ein
paar Sekunden, bis ich erkannte, dass sich unten am Boden etwas bewegte. Dieses
„Etwas“ war so groß, dass ich erst gar nicht draufkam, dass das ein
einziger Fisch war. Der freundliche Mensch mit dem Trachtenhut streifte den
Ärmel seiner Stalljacke hoch, griff hinein und packte das Ungetüm
am Schwanzstiel. Er brachte es nicht bis über die Wasseroberfläche,
aber es drehte sich auf die Seite und zeigte, dass es eine Seeforelle war.
Eine dicke, fette, riesige Seeforelle, bestimmt einen halben Zentner schwer.
An mehr kann ich mich nicht erinnern von der damaligen Begegnung, auch wenn
ich noch so sehr in meinem Gedächtnis krame. Heute weiß ich, dass
der freundliche Mensch mit dem Trachtenhut Josef Rieger war, der Fischer vom
Walchensee, der dort jedes Jahr ab Ende November Laichfischfänge auf
die Seeforellen veranstaltete. Und dass solche „Kawenzmänner“
wie der eben beschriebene schon lange nicht mehr in den oberbayerischen Voralpenseen
gefangen werden.
Udo Kempe mit einem bildhübschen Weibchen
Kirchliche Heirat oder nur Standesamt?
Wäre die Unterwasserwelt unserer Voralpenseen mit Worten zu beschreiben,
dann wären die bläulich-grünen, stillen Räume, die sich
neben den dunklen Steilabbrüchen der Felswände ins schier Unendliche
öffnen, wie Kathedralen. Und die enger werdenden, bewegten und manchmal
so zugigen Mündungstrichter der Zuflüsse, das wären die Sakristeien.
Dorthinein zogen früher die Seeforellen, als ihnen das entgegenkommende
Wasser noch behagte, als der Kies immer frisch hingeworfen war vom letzten
Hochwasser, blitzsauber und schon mit einem leisen Flossenschlag zu bewegen,
als ihnen noch keine Schwelle und kein Wehr unüberwindlich entgegenstanden
wie zugesperrte Türen und als sie noch nicht sorgen mussten, dass alles,
was sie vielleicht doch in die Welt gesetzt hatten, übers Jahr von gierigen
Sägern und Kormoranen verschlungen werden würde.
Heute gibt es in oberbayerischen Gewässern keine gesicherte, natürliche
Reproduktion der Seeforellen mehr – am Walchensee ebenso wenig wie am Starnberger
See, Chiemsee oder Tegernsee. Die eben beschriebenen Kirchen haben geschlossen
und der Begriff „Seeforellenseen“, den man in den letzten zwei Jahrzehnten
ein wenig krampfhaft verordnet hatte, wurde mit Wirkung vom 1. April 2004
wieder fallen gelassen.
Das heißt aber nicht, dass man die Seeforellen nicht mehr schätzen
und sich ihrer nicht mehr annehmen würde. Ganz im Gegenteil: Sie dürfen
immer noch fleißig heiraten, und sie haben immer wieder Nachkommen.
Aber das Prozedere ist weltlich geworden – es findet nur noch im Standesamt
statt. Eine fischereibiologische Säkularisation, gewissermaßen,
etabliert in den Bruthäusern an den Ufern der Seen. Hochzeiten ohne große
Gefühle und nicht besonders spektakulär, aber nachhaltig funktionierend.
Die großen Elterntiere werden im Trockenen „gestreift“, wie man das
schonende, unter Narkose stattfindende Entnehmen der jeweiligen Geschlechtsprodukte
bei den Fischen nennt. Eier und Sperma werden dann in einem glatten Gefäß
miteinander verrührt. Erst bei Wasserzugabe findet die Befruchtung statt.
Aus den Eiern schlüpfen dann, im ständig laufenden Wasser, nach
etwa zwei Monaten die Brütlinge – nur wenige Millimeter groß.
Streifen im Bruthaus (siehe auch Artikel Fischaufzucht, Online-Ausgabe Nr.41)
Lotterie oder Planwirtschaft?
Eines der größten Probleme in der künstlichen Erbrütung
der Seeforellen war und ist die mangelnde Verfügbarkeit eines geeigneten
Laichfischstammes. Der früher noch mögliche Zugriff auf Wildfänge
ist inzwischen hier in Oberbayern ganz obsolet geworden. Gewiss, es gab auch
früher schon Jahre, da gingen gar keine Laicher ins Netz, dann wieder
nur Weibchen und keine geeigneter Milchner, oder nur zwei Männchen und
sonst nichts. Inzwischen aber ist das an allen Seen die Regel, sogar am Walchensee,
der früheren Domäne der Seeforelle. Und wenn wirklich ein paar „laufende“
Weibchen erbeutet werden sollten, dann sind sie alles andere als spektakulär:
Mehr als zehn Pfund bringen sie in der Regel nicht mehr auf die Waage.
Der Versuch, „wilde“ Seeforellen dauerhaft in teichwirtschaftlichen Anlagen
zu halten, scheiterte immer wieder am Krankheitsrisiko älterer Fische
und an ihrer Bissigkeit nach Eintritt der Geschlechtsreife. Die „domestizierten“
Formen dagegen, nolens volens stets die Produkte der Frühlaicher, waren
an die vergleichsweise engen Teiche der Anlagen angepasst und hatten offensichtlich
ihre Fähigkeit zum Riesenwachstum verloren. Vielleicht ist auch das einer
der Gründe, warum die Seeforellen unserer Alpenseen inzwischen weit
vor dem Erreichen des gesetzlichen Schonmaßes von 60 cm in die Geschlechtsreife
treten.
Was also tun? Eine Situation als unvermeidlich hinnehmen und das Schonmaß
herabsetzen? Die Flüsse rückbauen, den Kies nicht mehr herausbaggern,
die Kraftwerke schließen und die Hochwasserdämme schleifen? Oder
die Segel streichen und ganz aufgeben?
Zugnetzbewirtschaftete Elterntierhaltung
Wenn es denn nur an den zu kleinen Refugien für die großwüchsigen
Elterntiere liegen sollte, dachten wir, warum dann nicht in die Vollen gehen?
Warum nicht einen See aussuchen, der nach Art und Umfang geeignet wäre,
ein paar Dutzend Seeforellen einen adäquaten Lebensraum zu bieten?
Groß und tief genug sollte er sein, und abgeschlossen gegenüber
Dritten, um die Fischwilderei zu verhindern. Füttern, wenn überhaupt,
nur mit lebenden Fischen oder mit Naßfutter. Abfischen auf einen einzigen
Schwung mit einem großen Zugnetz, dann die Laicher gestreift und zurückgesetzt
in ihr Biotop bis zum nächsten Jahr. Substitution zu erwartender Abgänge
durch die eigenen, nach Zeichnung und Wüchsigkeit aussortierten Nachkommen.
Im Frühjahr 1987 erbettelten wir von Dr. Martin Bohl 200 Stück
zwei- bis dreisömmerige Seeforellen, Nachkommenschaft von Wildfängen
aus dem Walchensee, und brachten sie in jenen Baggersee ein, der im Gelände
der Fischzucht Hammann im Landkreis Erding innerhalb des eingezäunten
Betriebsgeländes liegt. Der See weist ein steiles Trogprofil auf, ist
1.5 ha groß, im Schnitt 8 m tief und hat, wie das vorherige Absuchen
des Bodens mit Tauchern ergab, keine Hindernisse am Boden aufliegen, die der
Zugnetzfischerei entgegenstehen.
Der Baggersee im Landkreis Erding, mit ausgelegtem Zugnetz.
Dann das Zugnetz! Aus schwimmendem Polypropylen musste es sein, damit es
sich nicht allzu sehr in den Bodenschlamm eingraben konnte. Die Stauhöhe
sollte mindestens 12 m betragen und die Flügellänge je 80 m, damit
das Abfischen auch wirklich mit einem einzigen Zug zu bewerkstelligen war.
So etwas gab es natürlich nicht auf Lager, das musste angefertigt werden.
Die Netzweberei Vogt schickte es uns nach ein paar Wochen Lieferzeit frei
Hauptbahnhof München und wir Grünschnäbel fuhren fröhlich
mit unserem Pkw-Kombi bei der Lagerhalle vor, um es abzuholen. Der Gabelstapler
warf uns eine Kiste hin, die größer war als unser Auto, und ließ
uns allein damit. Entsetzlich! Wir fuhren wieder heim und holten den VW-Bus,
den ich damals hatte. Er war zum Schlafen und Kochen eingerichtet; wir warfen
alles heraus, was nicht niet- und nagelfest war, zogen das Netz aus seiner
Transportkiste und stopften es mit letzter Mühe in den Transporter. Furchtbar!
Etwas Sperrigeres und Verwirrenderes, sich überall Einhakendes und zuletzt
doch nicht ganz in den Innenraum des Fahrzeugs Passendes hab ich auch später
nie mehr erlebt.
Irgendwann hatten wir das Ungetüm dann doch daheim und wieder aus dem
Fahrzeug gepusselt. Sauber aufgeschossen lag es in einem luftigen Verschlag,
bereit, am Ende des gleichen Jahres seine Bewährungsprobe abzuliefern.
Denn wir wollten doch wissen, wie die Forellen inzwischen abgewachsen waren, mit ihrer Diät aus ein paar Tausend lebender Elritzen und den Schlachtabfällen
aus der Fischzucht.
Durch die Lappen gegangen
Die Zugnetzfischerei ist immer schon ein Kapitel für sich gewesen.
Besonders dann, wenn man sie mit einem Netz ausübt, das man vorher noch
nie in der Hand gehabt hatte und ein Gewässer befischen muss, das einem
in dieser Form und zu einem solchen Zweck noch nie untergekommen war. Man
kann Glück haben bei solchen Erstunternehmungen, oder aber gnadenlos
Schiffbruch erleiden.
Am Morgen des Nikolaustages wuchteten wir das froststarre, an Stahlwolle
gemahnende Kunstfasergarn mitsamt seinen Bleigewichten und Schwimmern auf
der einen Seite des Sees ins nebeldampfende Wasser und zogen die Flügel
mit Seilen auseinander. Das ließ sich zunächst gut an. Als es aber
daran ging, den riesigen Fangsack nach und nach zu Wasser zu bringen, stießen
wir an die Grenzen unseres Systems: Das Teil war mitsamt seinen Armierungen
so schwer, dass es wie ein toter Walfisch auf der Steilhalde des Baggersees
liegen bleiben und partout nicht in der Tiefe verschwinden wollte. Je mehr
die Leute zu beiden Seiten an den Flügeln des Netzes zerrten, desto
mehr hoben sich natürlich die Bodenleinen vom Grund; im Übergangsbereich
der Steilhalde zum topfebenen Boden des Sees hin entstanden so – bei jedem
„hau-ruck!“ – riesige offene Triangel im Fangsystem, durch die man bequem
Lastwägen hätte hindurch schieben können.
Als man endlich am anderen Ende des Sees angelangt und das Netz ausgezogen
war, hatten wir... nichts. Nur ein paar dürre Seeforellen steckten matt
zappelnd in den Flügeln und ein paar Krebse, die sich in die Bodenleine
verwickelt hatten, winkten frech mit ihren Scheren. Die Zugmannschaften waren
maßlos enttäuscht. Hatten wir ihnen nicht von ungeheuren Mengen
riesiger Seeforellen erzählt, die sie mit einem einzigen Schwung auf
vorher nie da gewesene Weise aus der Tiefe befördern würden? Waren
sie nicht deshalb so früh aufgestanden und so weit hergefahren, an diesem
nebligen, kalten Samstag?
Wir versuchten, sie zu beruhigen und ihnen zu erklären, dass es nicht
an der Absenz der Fische liegen würde, sondern an der Methode: Das gleichmäßige
Trogprofil des künstlich angelegten Sees würde uns immer wieder
die gleichen Probleme bereiten, egal, ob wir mehr oder weniger Blei an die
Unterleinen hefteten und schneller oder langsamer machen würden, beim
Ausziehen. Stets würde das Netz in dem Winkel zwischen Steilufer und
Seeboden gelüftet und die Fische kämen dort aus. Denn sie sind ja
nicht dumm, unsere oberbayerischen Seeforellen.
Anleihe bei Hans Hass
Wir grübelten ein Woche lang über diesem Problem und fragten Gott
und die Welt um Rat. Alle hatten Tipps auf Lager, jeder einen anderen, noch
besseren. Einig waren sie sich nur in einem: Dass die oberbayerischen Fischereifachberater
keine Ahnung hätten. Typische Beamte eben.
Die Lösung war dann ganz einfach. Umständlich zwar, aber doch
einfach: Wir mobilisierten ein gutes Dutzend Sporttaucher, die abenteuerlustig,
verwegen und gutmütig genug waren, nur für ein halbes Pfund warmen
Leberkäse, zwei paar Weißwürste und eine Rohrnudel mitsamt
dem Netz unter Wasser zu verschwinden. Ihre Aufgabe bestand darin, die Bodenleinen
in den kritischen Bereichen zu begleiten und mitzuhelfen, sie unten zu halten.
Darauf Acht zu geben, sich dabei nicht selbst zu verfangen und im übrigen
immer dann, wenn doch eine Öffnung entstehen würde, diese gegen
die andringenden Fischvölker zu verteidigen.
Der spannendste Moment zum Schluss: Was befindet sich im Netz
So deprimierend der erste Fehlversuch auch verlaufen war, so grandios war
der Erfolg, den wir diesmal hatten. Es war einer der Höhepunkte meiner
Laufbahn, hautnah mitzuerleben, wie zwanzig kapitale Seeforellen (die unter
Wasser noch einmal um ein Drittel größer aussehen) immer wieder
Anlauf nahmen, um die Linie zu durchbrechen, die man mit den Kameraden neben
sich verteidigte, und wie sie blitzartig immer wieder kehrt machten, wenn
ihnen das subaquatische Gebrüll einer Horde Taucher entgegenschlug.
Diesmal war der Steert voll, als er ans Licht kam. Und so blieb es bis heute.
Das Abfischen der Seeforellen am Nikolaustag im Landkreis Erding ist zum Kult
geworden, bei dem sich jeder sehen lässt, der wichtig ist in der Szene.
Nachwuchs für ganz Oberbayern
Inzwischen ist diese „Seeforellenstation“ des Bezirks die einzige Stelle
in Oberbayern, in der jedes Jahr zuverlässig rund 100 000 Seeforelleneier
gestreift werden können. Die daraus zu gewinnenden Brütlinge gelangen
– auf mehr oder minder verschlungenen Pfaden – bis nach Österreich an
den Traunsee. Hauptsächlich aber sind sie für den Tegernsee, den
Würmsee (Starnberger See), den Chiemsee und den Eibsee bestimmt.
© Dr. Peter Wißmath
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08.01.2009 10:39 Taucher Online : 169 Heute 4435, ges. 30939567 Besucher
 
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